Matthias Wegehaupt

Kornelia Röder, Kunsthistorikerin, Schwerin
Rede zur Eröffnung der Ausstellung Am Meer – Heitere Sommerimpressionen
am 24. April 2016 im Museum Atelierhaus Rösler-Kröhnke

Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Matthias Wegehaupt, liebe Anka Kröhnke,

es ist mir eine große Freude anlässlich der heute zu eröffnenden Ausstellung Am Meer – Heitere Sommerimpressionen einige einführende Worte sagen zu dürfen. Die Idee an diesem besonderen Ort – quasi vis-a-vis zur Ostsee – eine Ausstellung zum Thema „Meer“ zu zeigen, verdanken wir Anka Kröhnke.

Seit Jahren betreut sie einen Schatz von Werken ihrer Familie und es gelingt ihr dankenswerter Weise immer wieder, neue Themen für Ausstellungen zu finden, in denen die von ihr betreuten Arbeiten – in dieser Ausstellung sind es die von Louise Rösler – in neue, interessante Kontexte gestellt werden. Für die heutige Ausstellung hat Anka Kröhnke den uns allen bekannten und geschätzten und mit dem Meer auf einzigartige Weise verbundenen Maler Matthias Wegehaupt als visuellen „Gesprächspartner“ eingeladen.

Ausstellungen, die Künstler in einen Dialog treten lassen, schärfen das Auge des Betrachters für die Besonderheit, die Einzigartigkeit der jeweils anderen künstlerischen Position. So auch in dieser Ausstellung, wie Sie gleich beim Rundgang erleben werden.

Obwohl das Meer die Bildwelten beider Künstler prägt, gestalten sich ihre bildkünstlerischen Reflexionen äußerst unterschiedlich. Louise Rösler weilte von 1974 bis 1990 in den Sommermonaten an der Nordsee in Cuxhaven. Matthias Wegehaupt lebt seit Jahrzehnten in unmittelbarer Nachbarschaft zur Ostsee auf der Insel Usedom und fuhr sogar für einige Zeit als Seemann über die Meere.

Es ist nicht allein das unerschöpflich erscheinende  Reservoir an Motiven, das beide Künstler in ihrer Auseinandersetzung mit dem Meer fanden, sondern das Sujet selbst eröffnet ihnen ein ganzes Universum an inspirierenden Bildschöpfungen, die aus der Balance zwischen Figuration und Abstraktion entwickelt werden.

Das Thema „Meer“ kann auf eine lange kunstgeschichtliche Tradition verweisen. Erinnert sei an Caspar David Friedrich, Edvard Munch, Lyonel Feininger oder Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky. 1911 weilten die beiden Maler des Blauen Reiters an der Ostseeküste in Prerow und Ahrenshoop. Jawlensky entdeckt für sich während seines Sommeraufenthalts die Farbe. In seinen Lebenserinnerungen schieb er:

„Dieser Sommer bedeutete für mich eine große Entwicklung in meiner Kunst. Ich malte dort meine besten Landschaften und große figurale Arbeiten in sehr starken, glühenden Farben, absolut nicht naturalistisch und stofflich. […] Dies war eine Wendung in meiner Kunst.“

Auch für die beiden Künstler der heutigen Ausstellung wurde die Begegnung mit dem „Meer“ zur nicht versiegenden Inspirationsquelle ihrer Kunst.

Werke von Matthias Wegehaupt eröffnen den Dialog zwischen den zwei äußerst unterschiedlichen künstlerischen Positionen. Gerade ihre Divergenz bestimmt den Reiz dieser Ausstellung. Gern folge ich der Dramaturgie der Ausstellung und beginne, die Werke des Malers Matthias Wegehaupt kurz vorzustellen.

Neben imposanten Öl- und Acrylbildern kann der Künstler auf einen reichen Fundus an Papierarbeiten verweisen. Er versteht es, die Sprache des Materials bewusst in den Gestaltungsprozess einzubeziehen. Bildfindungen für bestimmte Motive wie Meeresdarstellungen, Uferszenen, Kitesurfer oder Figurationen erprobt Matthias Wegehaupt in unterschiedlichsten Techniken, lotet mögliche Gestaltungsweisen in ihren Grenzen und Potentialen aus. Öl oder Acryl, die Struktur der Leinwand, die Leuchtkraft der Gouachefarbe oder die Leichtigkeit und Transparenz des Aquarells werden ihm zu Ausdrucksmittel jenseits des konkreten Motivs. Subtilität antwortet dabei durchaus einem leuchtend  intensiven Farbstrom – kontemplative Einfühlung einer bildsprachlichen Dynamik.

Die Papierarbeit Tage der Flut von 1997 beispielsweise lässt in ihrer lasierenden Transparenz mehrschichtige Arbeitszustände erkennbar werden und gibt damit zugleich Einblick in ein prozesshaftes Arbeiten. Rot leuchtende geometrisierte Flächen tauchen – wie aus fernen Welten – aus der hellgestrichenen Papieroberfläche auf. Arbeiten wie diese können als Brücken zwischen Realität und künstlerischer Fantasie verstanden werden. Diffuse, wie aus dem Nebel steigende Figuren mit sich auflösenden Konturlinien verwandeln reale Seherlebnisse in imaginierte Bildwelten. Ihre Titel wie Strandschemen oder Strandfigurationen fungieren als sprachliche Vermittler künstlerischer Transformation.

Diesen eher poetisch anmutenden Werken steht die kraftvolle, energetisch aufgeladene Motivgruppe der Kitesurfer gegenüber. Die vom Wind aufgespannten Segel in leuchtenden Farben am blauen Himmel erinnern in gewisser Weise an Drachen, die wir als Kinder im Wind aufsteigen ließen. Diese Werkgruppe erweist der Kraft der Natur, ebenso der Geschicklichkeit und Körperbeherrschung des Menschen eine beeindruckende Hommage. Bei diesem Sport gilt es nicht, die Natur zu beherrschen, sondern mit ihr in Gleichklang zu treten. Anmutige Bilder entstehen, wenn sich die Sportler auf den Wellen bewegen. In diesen Werken meint man, den großen Atem der Natur zu spüren, wie auch in den Uferbilder und den zahlreiche Zeichnungen zu diesem Thema. Uferlinie, Uferbild. Anfang oder Ende? Ufer als Begrenzung, als Berührung zwischen Land und Meer, als etwas, dessen Kontur sich durch Wind oder Sturm permanent verändert. In unserem Sprachgebrauch existiert die Redewendung „Zu neuen Ufern aufbrechen“ und diese meint Veränderung einzugehen.

Trotz des hohen Abstraktionsgrades mancher Arbeiten stellen sich immer Assoziationen zu Meer, Himmel und Strand ein. Matthias Wegehaupt ist bekannter Weise auch ein Meister des Wortes. Im Bereich der Literatur kann er sich ausbreiten, formulieren, fabulieren, seine exzellente Beobachtungsgabe detailreich unter Beweis stellen. In seinen bildkünstlerischen Werken hingegen verzichtet er konsequent auf Narratives. Ob mit Pinsel, Kohlestift, Feinliner oder Kaltnadel artikuliert er sich knapp, äußerst konzentriert. Menschen, Schiffe und Landschaftsimpressionen verdichten sich zu Zeichen, werden in Farbflächen verwandelt oder in Strukturen und Muster umgesetzt. Mit dem von ihm häufig angewandten und etwas an Jackson Pollock erinnernden Drip-Painting-Verfahren spielt er mit dem Zufall als aktivem Gestaltungselement. Im Fluss der Linien, im Klang der Farben oder im  Rhythmus der Bewegungsverläufe meint man zuweilen auch Musik hören zu können. Ebenso lässt sich ein Hauch von Romantik nicht leugnen.

Seine Kaltnadelradierungen hingegen haben etwas Skripturales. Sie erscheinen wie Notate, kurz, auf das Wesentliche reduziert und ausdrucksstark zugleich. Ganze Serien von Strandszenen entstanden, in denen der Künstler mittels einiger weniger Linien die Schönheit der Natur zu erfassen vermag.

Am 10. Juli wird Matthias Wegehaupt aus seinem Roman Die Insel hier im Atelierhaus lesen. Ich möchte dem nicht vorgreifen, jedoch sei mir ein Zitat aus dem Buch erlaubt, da es viel über die Arbeitsweise und die Naturwahrnehmung des Künstlers aussagt.

„Unsmoler blickte über das Meer und blickte auf den Strand. Das Muster der Burgen, das Muster unzähliger Schatten, Schatten von Fährten im Sand. Gleichförmigkeit. Alles ist gezeichnet von den Tagen zuvor. Und doch die Unberührtheit der Frühe. Erste Strandgänger. Die Senkrechten der Kommenden. Störung vorheriger Bilder. Immer mehr, immer zahlreicher diese Senkrechten. Zeichen, Blatt für Blatt, Notizen für daheim. Blätter füllen mit Strukturen und mit Rhythmen wortloser Texte. Schönheit, die ihn fesselt.“

Die Schönheit der Natur, die Freude an den Farben und die Lust und Gestaltungskraft, Gesehenes, Erlebtes, Empfundenes in Kunst zu verwandeln, verbinden beide Künstler miteinander.

Louise Röslers Arbeiten sind ein Fest der Farben, sind Freude für das Auge, eine Ode an die Sinnlichkeit. Alle Werke – bis auf drei – sind an der Nordsee entstanden, die viel rauer, herber als die Ostsee ist und sich durch die Gezeiten in ständiger Bewegung befindet. In der Bildwelt von Louise Rösler leuchtet die Nordsee wie das Mittelmeer. Über Jahre verbringt sie die Sommer in Cuxhaven.

Die Freiheit der klassischen Moderne, die Louise Rösler bei ihren Aufenthalten in Paris und durch die Begegnung mit Werken bedeutender Künstler der Zeit nicht nur kennengelernt, sondern zutiefst verinnerlicht hat, führte sie in den Arbeiten der heutigen Ausstellung zur Vollendung. In den 1920er-Jahren hatte sie bei Karl Hofer studiert, wo sie auch  ihren späteren Mann Walter Kröhnke kennenlernte. 1926/27 geht sie nach Paris, um dort für kurze Zeit die dortige Akademie zu besuchen. 1932 lernt sie Ferdinand Léger kennen.

Ein sich entfaltendes Künstlerleben voller Inspiration und prägender Einflüsse bricht 1933 abrupt ab. Louise Rösler wird es verboten, öffentlich auszustellen. 1937 besucht sie noch die Weltausstellung in Paris und stellt bis 1939 im eigenen Atelier aus. Wie auch Karl Hofer oder Willy Jaeckel verliert sie 1943 Atelier und Wohnung durch die Bombardierung Berlins. Nur wenige Bilder können gerettet werden. 1943 wird ihr sogar ein „Farbenverbot“ erteilt. Ruft man sich ihre Bilder in Erinnerung, die während ihrer Hochzeitsreise mit Walter Kröhnke 1934 in Wustrow auf dem  Fischland/Darß entstanden, offenbaren diese im pointilistischen Stil gemalten Werke bereits ihr außergewöhnliches Farbtalent.

Mit welcher Intensität muss sie die Freiheit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges empfunden haben, wieder malen zu können. Nach den Jahren der Finsternis endlich wieder Farben verwenden zu dürfen. Unvorstellbar. 40 Jahren vergingen bis sie – im Jahr 1968 – wieder nach Paris reist.

In Cuxhaven bot sich ihr seit den 1970er-Jahren dann die Möglichkeit, in einem Atelier der Künstlergilde zu arbeiten,  einer ehemaligen Garage. Am Meer fühlte sich Louise Rösler besonders frei. Eine Fülle von abstrakten Papierarbeiten und Collagen entstehen während der Aufenthalte, wobei deren intensive Farbigkeit und dynamische Bildstruktur charakteristisch für die Werke dieser Zeit werden.

Dass die Künstlerin bevorzugt mit Ölpastell, Filzstift und Collagen arbeitet, hat einen ganz praktischen Grund. Arbeiten auf Papier lassen sich leicht und unkompliziert transportieren. Auch solche durch die konkrete Lebensrealität geprägten Gegebenheiten bestimmen gelegentlich die künstlerische Ausrichtung. Louise Rösler antwortete darauf mit Heiterkeit und mit einer ungebrochenen Schaffenslust.

In ihrer Kunst ging es ihr immer darum, den unwiederbringlichen Moment zu erfassen. In Katalogtexten wird sie als Flaneurin bezeichnet, die mit einem fotografischen Gedächtnis, einzigartige Momente erfassen konnte. Im Atelier entstanden dann die Werke zumeist im Format 60 x 80 cm. Besondere Momente fand sie im Eiskaffee San Marco oder im Schwimmbad, das sich am Abend in ein Restaurant verwandelt, in dem man Feste feierte. Situationen, Begebenheiten aus dem alltäglichen Leben verwandelt sie in ihren Werken zu etwas Kostbarem.

So begeisterte sie der Deich, das Seezeichen, die Kugelbarke oder ein Kurkonzert ebenso wie der Strand in Döse bei Gewitter. In allen ihren Arbeiten erhob sie die Farbe zum bestimmenden Gestaltungselement. Die Lebendigkeit erwuchs aus dem Rhythmus, der Dynamik der Bildstruktur. Neben reinen Zeichnungen entstanden auch zahlreiche Collagen. Der schöne Abend I – Cux von 1976 beispielsweise verbindet Ölpastell mit der Collagetechnik.

Anka Kröhnke erinnert sich: „Ein Auge war immer im Straßengraben.“, um Fundstücke für die Arbeiten zu finden. Diese von den Kubisten und Dada-Künstlern erfundene Technik bringt Relikte des Alltags unmittelbar in das Kunstwerk ein. Zudem eröffnet die Collage dem Zufall eine nicht unerhebliche Komponente im Gestaltungsprozess. In der Arbeit Stürmischer Tag von 1986 bestimmen dann die Collageelemente Struktur und Rhythmus des Gesamtwerks. Beim Hellen Julitag (1979) lässt sich ein Zettel mit der Aufschrift „Miniaturgolf für jedermann“ finden. Bei diesen Collagen von Louise Rösler kommen Erinnerungen an Kurt Schwitters auf. Selbst der Boden einer Torte wurde ihr zum Trägermaterial – ganz in der Tradition von Dada.

Etwas Witziges, etwas zutiefst Heiteres vermittelt das Ölpastell Spaziergang abends auf dem Deich von 1974, wie auch das Aquarell Aufbruch nach dem Fest von 1979. Eine leichte Affinität zur Karikatur wird zuweilen erkennbar.

Selbst ein Verregneter Sommer oder ein Grauer Tag am Strand (1980) werden in der Bildwelt von Louise Rösler zu Farberlebnissen. Mit ihrem durchaus vorhandenen Sinn für Dramatik kann sich der Himmel zu einer tiefblauen Fläche verdunkeln und der Bewegungsfluss der sich über die Landschaft hinwegziehenden Wolken in schwungvoll gesetzten Schraffuren visualisieren. Das Interesse der Malerin an Stimmungen, an bestimmten Lichtverhältnissen, an Ebbe und Flut als wiederkehrendes Naturschauspiel spiegelt sich sowohl in den Motiven als auch in der Gestaltungsweise wider. Ein Hochhaus unmittelbar an den Dünen, eigentlich ein architektonischer Schandfleck – wird von ihr künstlerisch nicht wegretuschiert. Versatzstücke der Realität wie auch das 20er-Jahre Haus in Niendorf werden tagebuchartig zum Verweis für konkrete Aufenthaltsorte der Künstlerin und nehmen somit Bezug auf ihr persönliches Leben.

Matthias Wegehaupt formulierte für seinen Katalog Bilder des Gegenwärtigen folgenden Satz: „Unentwegt müssen wir die Welt nach Mustern durchsuchen, denn alle Bilder, die wir uns von der Welt machen, sind immer nur vorläufig, Wandlung ist Prinzip und Hoffnung!“

Diesen Satz hätte Louise Rösler bestimmt auch unterschrieben. Denn Wandlung war auch ihr künstlerisches Prinzip.

Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen ein nachhaltiges Erlebnis beim Rundgang durch die Ausstellung.